Croma-Pharma: Der Nischenplayer
Gerhard Prinz: Erfolgreich mit Viskoelastika.
Er hat „vermarktet, was zu vermarkten ging“. Und sein verdientes Geld
stets im Unternehmen gelassen. So die Kurzform der Story namens
Croma-Pharma.
Begonnen hat sie Gerhard Prinz mit der Einlizenzierung, der
Registrierung und dem Import ausgefallener Pharma-Spezialitäten in
Österreich: Schlangenserum oder Betablocker, Contergan – „nach
Vorauszahlung von einem brasilianischen Händler” – sowie
Enzym-Ersatztherapien.
Drei Jahrzehnte später fertigt eine Viskoelastika-Produktion mit dem
höchsten Automatisierungsgrad Europas jährlich 2,2 Mio Spritzen. „In
Sterilfertigung“, betont der Firmenchef, „hier wird auf bis zu 130 °C
erhitzt, das ist nicht bloß eine aseptische Abfüllung.“
Heute ist Prinz froh, sein eigener „Hausmeister“ zu sein: Nach 25
Jahren Außendienst sein eigener Herr über die eigene Produktion zu
sein. Freilich könnte er sein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 32
Mio € auch an die Börse bringen. Doch das mache „nur Probleme“: „Soll
ich fünf Leute anstellen, nur um den ,Shareholder Value’ zu stützen?
Nein, als österreichisches Pharma-Unternehmen selbständig zu sein und
dennoch in der internationalen Oberliga mitzuspielen, das hat Wert.“
Heute verweigert er in der Regel das Gespräch mit externen
Geldgebern. Früher hat er es mit Ärzten und mit Krankenhäusern suchen
müssen. „Betreuen Sie auch einen Alkoholkranken?“, fragte er da etwa.
„Einen? Hunderte!“ Und das ergab in Folge etwa die Einführung eines
speziellen Präparats zur Alkoholentwöhnung.
Dass die Suche nach einer wirklich ausgefallenen Medikation bei den
meisten Spitalsärzten mit „Geht’s zum Prinz!“ quittiert wird, eben das
war seine Leidenschaft. Und zugleich das Schwierigste in seinen 30
Jahren Unternehmertum: „Das Nichtankommen bei den Ärzten, bei den
Pharma-Unternehmen. Nicht ernst genommen zu werden als One-Man-Show.“
Erfolg mit Viskoelastika. Ende der 1980er Jahre fokussierte
Croma-Pharma auf die Ophthalmologie und startete den Vertrieb mit
intraokularen Linsen. Es sollte entsprechendes Nahtmaterial ebenso wie
Laser-Implantate folgen. Damit war der Weg geebnet für den
Produktionsstart des ersten Viskoelastikums in den 1990ern:
Biofermentierte Hyaluronsäure, die eine gute Biokompatibilität für das
Auge aufwies und leicht abzusaugen war. Eben diese Hyaluronsäure wurde
wenig später auch zur Arthrosebehandlung im Kniegelenk eingesetzt.
Vertriebsniederlassungen in Deutschland und Polen sollten folgen,
derzeit ist eine dritte in Rumänien in Gründung. Heute exportiert
Croma-Pharma auch pflanzliche OTC-Produkte in 60 Länder, die 2,2 Mio
viskoelastischen Spritzen werden an mehr als 150 Abnehmer ausgeliefert.
Wie viel inzwischen in die Sterilproduktion in Leobendorf bei Wien
investiert wurde? „Wir haben beispielsweise Stahl-Container – mit
selbst konzipierten Maschinenteilen –, die nahezu alles können. Wenn
Sie die auf eine Seite einer Waage stellen und die andere mit Gold
aufwiegen, dann wird das hinkommen.“ Scherz beiseite: Das großteils zur
Lohnfertigung für Dritte ausgelegte Werk „hat einen regelrechten
Audit-Tourismus erfahren“ und zeige, dass „eine österreichische
Pharma-Company genauso gut ist wie ein US-Konzern“.
Hochmoderne Sterilproduktion in Leobendorf bei Stockerau.
Weiterentwickelte Biopolymere. Rund ein Fünftel des Umsatzes
investiert Croma-Pharma in F&E. Eine Forschung, die sich vorrangig
mit der Entwicklung von Biopolymeren beschäftigt: Mit „künstlichem
Schleim“ für das Auge, dessen Zellen sich bei Bedarf für ein Medikament
öffnen und wieder schließen, oder aber optimierte „Schmierstoffe“ zur
Arthrosebehandlung von Gelenken.
Andreas Clausen, der Forschungsleiter bei Croma-Pharma, erläutert
die Funktionsweise: „Das Auge ist normalerweise mit einem Tränenfilm
überzogen, einer dünnen Schleimschicht aus Muzinen. Nach intensiver
Computerarbeit oder durch Klimaanlagen ausgelöst kann es jedoch zum
,trockenen Auge’ kommen – ein Mangel an Schleim stellt sich ein. Hier
setzen wir nun mit unseren langkettigen Biopolymeren an: Sie sind in
der Lage, an die freien Thiolgruppen (-SH) des Tränenfilms anzudocken
und mit diesen Schwefel-Atomen als Disulfidbrücken fest zu verankern.
So wird die schützende Tränenschicht wieder längerfristig hergestellt.“
Rund 40 % der Bevölkerung leidet an trockenen Augen – die davon
Betroffenen wenden ihre heute am Markt erhältlichen Augentropfen
derzeit vier Mal täglich an, eine künstliche Schutzschicht, die eher
lockere ionische Wechselwirkungen ausnutzt. Mit dem „natürlichen
Kleber“ aus starken Disulfidbrücken könnte sich das künftig ändern:
Augentropfen würden dann einen ganzen Tag lang wirken.
Mit diesem Ansatz ist aber noch mehr denkbar: „Es ist auch denkbar,
dass wir mit unseren Biopolymeren bestimmte Wirkstoffe im Auge
freisetzen können, wobei sich die Wirkstoffabgabe relativ leicht
einstellen lässt. So ist etwa eine Freisetzung von Antibiotika im Auge
auch über Wochen oder Monate denkbar – die gekühlte Lagerung solcher
Medikamente würde dann wegfallen.“
Die Basispatente dazu wurden von Andreas Bernkop-Schnürch bereits
1999 an der Universität Wien eingereicht, heute hat er einen Lehrstuhl
für Pharmazeutische Technologie an der Uni Innsbruck inne und ist dort
auch Dekan der Fakultät für Chemie und Pharmazie. Clausen hat sich
dieses Wissen während einer Dissertation angeeignet und ist in Folge –
gemeinsam mit den Lizenzen für die Augenanwendungen dieser Biopolymere
– zu Croma-Pharma gekommen.
7 Syntheseschritte. Nach 6 Jahren Arbeit ist Croma-Pharma
mittlerweile soweit, die großtechnische Herstellung dieser Biopolymere
zu beherrschen. Dabei wird ein zugekauftes Basispolymer – die
Hyaluronsäure – in 7 Syntheseschritten modifiziert und in knapp einer
Woche zum fertigen Produkt. 2009 ist der Marktstart der neuen
Augentropfen bzw. Inserts geplant, dann will Croma-Pharma etwa 200-500
g pro Woche von diesen Biopolymeren herstellen. Die Herausforderung bei
diesen organischen Substanzen ist dabei, „dass man es nie mit exakt
gleich langen Molekülketten zu tun hat“ – letztlich sei es „ein Spiel
mit Verteilungskurven“.
Zum Einsatz sollen die Biopolymere der Croma-Pharma aber nicht nur
am Auge, sondern auch in Gelenken kommen, um der Osteoarthrose
entgegenzuwirken. Gemeinsam mit Stefan Nehrer führt Clausen dazu ein
auf 3 Jahre ausgelegtes FFG-Projekt an der Donau Universität durch:
Dabei wird zum einen die modifizierte Hyaluronsäure der Croma-Pharma
eingesetzt, zum anderen die den Knorpel aufbauenden Chondrozyten in der
Zellkultur der Donau Uni gezüchtet. Zusätzlich zur
Viskosupplementation, wo die dem Gelenk injizierte Hyaluronsäure einen
Schmier- und Stoßdämpfereffekt ausübt und die körpereigene Produktion
der Hyaluronsäure anregt, soll es mit diesem Forschungsansatz gelingen,
„künftig die Gelenkskrankheiten nicht nur symptomatisch zu behandeln,
sondern tatsächlich zu therapieren“.
Mehr Informationen unter: chemiereport.at
